Das Prosagedicht (Schlechte Zeiten für schlechte Lyrik) #Wellenbrecher- #MythenBrecher

Schlechte Zeit für Lyrik (in Anlehnung)
von Bertolt Brecht
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Ich weiß doch: nur der Glückliche
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Ist beliebt. Seine Stimme
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Hört man gern. Sein Gesicht ist schön.
 
	
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Der verkrüppelte Baum im Hof
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Zeigt auf den schlechten Boden, aber
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Die Vorübergehenden schimpfen ihn einen Krüppel
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Doch mit Recht.
 
	
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Die grünen Boote und die lustigen Segel des Sundes
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Sehe ich nicht. Von allem
 
	
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Sehe ich nur der Fischer rissiges Garnnetz.
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Warum rede ich nur davon
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Daß die vierzigjährige Häuslerin gekrümmt geht?
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Die Brüste der Mädchen
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Sind warm wie ehedem.
 
	
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In meinem Lied ein Reim
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Käme mir fast vor wie Übermut.
 
	
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In mir streiten sich
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Die Begeisterung über den blühenden Apfelbaum
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Und das Entsetzen über die Reden des Anstreichers.
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Aber nur das zweite
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Drängt mich, zum Schreibtisch.

Das Prosagedicht

Es kennt keine
Reime und wenn
nur schlagartige,

naiv-gemeine.

Es erzählt lieber
zwischen Ballade
und Ode
von gestohlenem
Leben ohne

Socken und Sohle.

Es verschleisst
sich, wie
Panzerhaubitzen,
Freundschaften,
Wahlversprechen,
Liebeshochzeiten,
Zylinderköpfe

und Startrampen.

Aller Anfang hat
seine Zentrifugalkräfte,
und wenn man
noch so mittig

und ausgewogen sich wähnt.

Nein, Prosagedichte
habens nicht
mit alternierenden
Hebungen und Senkungen,
wie ein niederkommender
Pottwaal.
Aber sie setzten sich
wie er zu wehr,
selbst wenn die Sonne

ihm etwas antäte.

Das Prosagedicht
Ist ein Bastard,
der auf feinsinnige

Regeln scheisst.

Denn es weiß,
hinter jedem
wohlgelingendem
Wohlklang versteckt
sich nur die Abart,
die die Leier
erklingen lässt,

selbst wenn Rom brennt.

Prosa ist Rohsamen,
den man mit
Pietät ausbringt,
wie im freien Wurf

der Sämann.

Zusammengefügt
wächst hier nichts,
was keine Wurzeln
in der Klarheit hat,
du niederträchtige,
uneigentliche Rede,
der Poesie, das weiß

jeder Seemann!