Der nackte Kannibale

 

Honeybal

 

Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Lilie auf dem Felde. (Jes. 40,6)

 

Hallo, wem?

In langen dunklen Tagen,

die Geister laben sich den Magen…

mit Wurst und Käse

aus Gewölben,-

sie wohnen in denselben.

 

DIE GRUFT  ruft,

sagt der Kellermeister

und führt den Krug

an die Lippen entgeistert:

 

„DIE PEST da oben,

macht uns (st)erblich!

Wenn Fromme fröhnen

Völlerrei, ist’s ver(d)erblich!“

 

In diesen Lagen,

die Schaben nagen

an dem Klagenkind.

Kannibale heißt er,

der da trinkt und singt,

und machmal beißt er,

dann wieder scheißt er,

wenn er aus der Grube springt.

 

Der moderne Zombie ist ein Wiedergänger wie die Vampire auch. Sie sind letztlich die mythologisierten Visionen einer sehr archaischen Wurzel in unserem Seelegarten: Dem Kannibalen. ….Was wir selber sind, im Schichtendickicht unserer menschlichen Entwicklung, packen wir uns, in abgewandelter Fom, stets zu unserem eigenen Gruselvergnügen, vor die Augen. … Jeder Horror ist eine Abspaltung unserer Seelenlandschaften, in der wir unsere Veränglichkeit durch uns, für uns und von uns vergegenwärtigen: Das Gras verdorrt, die Lilie verwelkt; denn des HERRN Geist bläst darein. Ja, das Volk ist das Gras. Das Gras verdorrt, die Lilie verwelkt; aber das Wort unsres Gottes bleibt ewiglich!“(Jes. 40,8)…

Die Religion dient der sublimierten Überhöhung unseres eigenen Anspruches, uns selbst, am Schopfe, aus dem Sumpf der Evolution ziehen zu können.

Fabian Fabioli: Der Mensch ist des Menschen Dackel 1986

 

Kannibalen I

Finger jammern in der Pfanne,
Blut schäumt über in der Kanne.
Zwiebeln weinen dicke Tränen,
Menschenfleisch hängt in den Zähnen.

Früchte schlummern träg und faul,
Nieren springen in das Maul.
Mehl lagert in Eichenschränken,
Zucker knistert unter Bänken.

Käse aus dem Kühlfach schmunzelt
Augen blicken stark verrunzelt.
Zungen züngeln rosarot,
Ohren sind schon länger tot.

Lenden schmoren in der Röhre,
kerngesund lacht eine Möhre,
aus dem Korbe lockt ein Pilz,
im Topfe schmort vom Kind die Milz.

Über einem alten Pimmel
weht ein grauer Hauch von Schimmel,
in Sahne schwimmt vom Bauch der Speck.
Das Hirn war gleich als erstes weg!

Kannibalen II

Wenn Menschfresser Pudding essen
und sich darüber selbst vergessen,
wenn sie auf blutig-wilden Festen
ihre verfressenen Kleinen mästen.

Wenn wilde Weiber lange fasten,
um dann bei Tische auszurasten,
wenn ihre Brut leckt sich die Pfoten<
vom Saft der frisch gekochten Toten.

Dann ist der Kannibale König,
ihn satt zu machen, kostet wenig.
Er brät aus Leib sich eine Speise
Und isst sie gern im Freundeskreise.

aus dem Band:
Ruprecht Frieling
Manische Wiegenlieder
Surreale und absurde Gedichte

 

Schöne Rede ist nicht wahr,   wahre Rede ist nicht schön! Lao Tse:

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