Goethe oder Gandhi?

Carl von Ossietzky und Dietrich Bonhoeffer

Goethe oder Gandhi?

Manchmal verstehe ich die Pazifisten nicht, wie sie gleichzeitig Korporatisten und Etatisten sein können. Es ist ja nicht nur der Nationalismus, der in den Krieg führt. Erst einmal müssen die Organe und Institutionen vorhanden sein, die den Krieg führbar machen. Alle diese Instrumente, die benötigt werden, stellt in erster Linie der Staat zur Verfügung. Es sind seine Verteidigungs-und Handlungsinstrumente, die einen Krieg anstreben und durchführen. Der Staat mit seinem Gewaltmonopol ist sozusagen der instrumentalisierende Verwalter von Aggression und Krieg. Von ihm geht letztlich durch seine Verwaltungsakte die Sympathiefrage (Systemfrage vs, Patriotismus) und somit die Bereitschaft für Nationalismus aus.

Wieso also können Pazifisten gleichzeitig Anhänger von Staatstheorien bzw. Rechtfertiger bzw. durch ihre Anklage Bestätiger staatlicher Autorität sein? Das eine widerspricht dem anderen zutiefst. Es besteht ein systemischer Widerspruch zwischen der Gläubigkeit an „Der Staat ist für uns alle da!“  und der Beschwerde „Der Staat führt böse Kriege!“. Es ist die Zerrissenheit seiner Bürger, die ihn wollen und dennoch sich über ihn aufregen, aber nicht über ihn hinausragen. Oft regen Bürger sich nicht über das System auf, sondern personalisiert über seine Funktionäre, als wären die nicht ebenfalls Gefangene der vorgefertigten Prozesse im Staat.

Darum nehme ich Drewermanns Empörung auch nur bedingt ernst. Ich sympathisiere mit den Inhalten seiner Rede. Ich verachte aber seine Position, aus der er sich anmaßt, solche Reden zu führen. Dieser Zwiespalt war mir immer, auch in den 80 ern in der Friedensbewegung (Nato-Doppelbeschluß), stets zugegen.

Was sucht denn ein Pazifist bei der Prozession (Demonstrationen für oder gegen das, was der Staat tut) der Anbetung des Vaters Staat? Die kindliche Naivität, der Vater würde das Unheil schon richten, das er angerichtet hat? Selbstkritik eines seelenlosen Apparates? Hoffnung auf die Einsicht der Apparatschicks? Hat der deutsche und religiöse Bildungsbürger denn so wenig gelernt aus Weimarer Republik, III. Reich und BRD-DDR?

„Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin!“-dieser Carl Sandburg-Spruch erhält nur einen tieferen Sinn, wenn man den Beschwerde-Adressaten Staat für Null und nichtig erklärt, und zwar jeder Bürger mutig erst einmal für sich selber. Und wetten, der Staat wird mit seiner Judikative und Exekutive alle Verweigerer, als wäre er der ewige Schöpfergott höchst persönlich, beim Namen rufen! Wer zahlt nicht also lieber die Steuern und finanziert die staatliche Aufrüstung mit, anstatt über Jahre ins Gefängnis zu gehen? Ich bin mir sicher, Herr Drewermann war immer ein braver Steuerzahler.

Was tut man also, wenn man in dieser Zwickmühle ist? Soll man den Staat akzeptieren, blind wie ein Lamm die Herde oder sollte man auf Abstand zu ihm gehen? Wie war das noch bei Gandhi, als dieser das Salzgewinnungsmonopol der hochbewaffneten Engländer brach? Genau das braucht es! Bekannte Köpfe, die im zivilen Ungehorsam sogar bereit sind, ins Gefängnis zu gehen! Sind sie populär genug, wird das Aufsehen erregen. Wie wenig Aufsehen erregte doch das Inhaftiertwerden eines Ossietzkys oder Bonhoeffers!

Wir sind aber in keiner faschistischen Diktatur mehr, in der Oppostion still und heimlich verschwindet! Oder ist Herr Drewermann sich nicht ganz so sicher,  ob er genügend Aufsehen erregt?

Herr Drewermann kann vielleicht vergleichbar sein mit einem Staatsbeamten wie Goethe im Umfeld Deutschland, aber global gesehen kriegt er einen Mahatma nicht hin.

Wer  das glaubt, wird selig:

Dietrich Bonhoeffer:
Von guten Mächten

Von guten Mächten treu und still umgeben,
Behütet und getröstet wunderbar,
So will ich diese Tage mit euch leben
Und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen,
Noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach, Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
Das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
Des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
So nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
Aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
An dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
Dann wolln wir des Vergangenen gedenken
Und dann gehört dir unser Leben ganz.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
Die du in unsre Dunkelheit gebracht.
Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
So lass uns hören jenen vollen Klang
Der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
All deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
Erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Dietrich Bonhoeffer
Von der Dummheit
 
 
Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse läßt sich protestieren, es läßt sich bloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurückläßt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt läßt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch – und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseitegeschoben werden. Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht. Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. Niemals werden wir mehr versuchen, den Dummen durch Gründe zu überzeugen; es ist sinnlos und gefährlich. Um zu wissen, wie wir der Dummheit beikommen können, müssen wir ihr Wesen zu verstehen suchen. Soviel ist sicher, daß sie nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm sind. Diese Entdeckung machen wir zu unserer Überraschung anläßlich bestimmter Situationen. Dabei gewinnt man weniger den Eindruck, daß die Dummheit ein angeborener Defekt ist, als daß unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden, bzw. sich dumm machen lassen. Wir beobachten weiterhin, daß abgeschlossen und einsam lebende Menschen diesen Defekt seltener zeigen als zur Gesellung neigende oder verurteilte Menschen und Menschengruppen. So scheint die Dummheit vielleicht weniger ein psychologisches als ein soziologisches Problem zu sein. Sie ist eine besondere Form der Einwirkung geschichtlicher Umstände auf den Menschen, eine psychologische Begleiterscheinung bestimmter äußerer Verhältnisse. Bei genauerem Zusehen zeigt sich, daß jede starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art, einen großen Teil der Menschen mit Dummheit schlägt. Ja, es hat den Anschein, als sei das geradezu ein soziologisch-psychologisches Gesetz. Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen. Der Vorgang ist dabei nicht der, daß bestimmte – also etwa intellektuelle – Anlagen des Menschen plötzlich verkümmern oder ausfallen, sondern daß unter dem überwältigenden Eindruck der Machtentfaltung dem Menschen seine innere Selbständigkeit geraubt wird und daß dieser nun – mehr oder weniger unbewußt – darauf verzichtet, zu den sich ergebenden Lebenslagen ein eigenes Verhalten zu finden. Daß der Dumme oft bockig ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß er nicht selbständig ist. Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, daß man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm persönlich, sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen etc. zu tun hat. Er ist in einem Banne, er ist verblendet, er ist in seinem eigenen Wesen mißbraucht, mißhandelt. So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen. Hier liegt die Gefahr eines diabolischen Mißbrauchs. Dadurch werden Menschen für immer zugrunde gerichtet werden können. Aber es ist gerade hier auch ganz deutlich, daß nicht ein Akt der Belehrung, sondern allein ein Akt der Befreiung die Dummheit überwinden könnte. Dabei wird man sich damit abfinden müssen, daß eine echte innere Befreiung in den allermeisten Fällen erst möglich wird, nachdem die äußere Befreiung vorangegangen ist; bis dahin werden wir auf alle Versuche, den Dummen zu überzeugen, verzichten müssen. In dieser Sachlage wird es übrigens auch begründet sein, daß wir uns unter solchen Umständen vergeblich darum bemühen, zu wissen, was »das Volk« eigentlich denkt, und warum diese Frage für den verantwortlich Denkenden und Handelnden zugleich so überflüssig ist – immer nur unter den gegebenen Umständen. Das Wort der Bibel, daß die Furcht Gottes der Anfang der Weisheit sei (Psalm 111, 10), sagt, daß die innere Befreiung des Menschen zum verantwortlichen Leben vor Gott die einzige wirkliche Überwindung der Dummheit ist. Übrigens haben diese Gedanken über die Dummheit doch dies Tröstliche für sich, daß sie ganz und gar nicht zulassen, die Mehrzahl der Menschen unter allen Umständen für dumm zu halten. Es wird wirklich darauf ankommen, ob Machthaber sich mehr von der Dummheit oder von der inneren Selbständigkeit und Klugheit der Menschen versprechen.

Gütersloh 1985. S. 14 f.Quelle: Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hrsg. von E. Bethge. TB Siebenstern.

 
     

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