Die schwache Blase

Spielgeld

 

 

Inflation oder alte Sack von der Bank

Du alter Sack, kennst Du Dich aus?

Man sagt mir, Du bist so schlau!

Weißt Du, wie das mit dem Gelde geht?

Ich spare es hier, komm und schau,

in meinem Socken, bis er selber steht!

 

Du alter Sack, kennst Du Dich aus

mit Mehrwert, Zins und Halden-Ök`nomie?

Kleines Geld im Börsen-Spiel und Aktien;

ist das möglich, für mich dummes Vieh?

Oder geht es im Ganzen um and´re Taktiken?

 

Ich weiß, wenn´s fällt und unten ist,

dann soll man kaufen, wie´s nur geht

und wenn der Kurs steigt und oben steht,

dann soll man abstossen mit großer List!

 

Nun alter Sack, du weißt ja wie das ist;

Ich kaufte als es unten war, da fiel es weiter

und kam nicht mehr so bald wieder.

Keine Luft hatt´ich mehr und Schulden weiter;

der Gerichtsvollzieher schrieb es nieder.

 

Tja die Regeln der Börsen, hab ich Vieh

nicht verstanden und verloren alles, bis aufs Hemd.

Jetzt sagst Du mir, dass das Geld, was ich Dir lieh

auch verloren ist mit deinem am selben Tag?

Du wußtest es doch nicht besser, du alter Sack?

So ist´s, wenn ein Schaf im Schlaf den Hirten kemmt.

 

 

von Richard G. Kerschhofer

oder der Tucholsky-Fake

Wenn die Börsenkurse fallen,
regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf:
Ihr Rezept heißt Leerverkauf.

Keck verhökern diese Knaben
Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los,
den sie brauchen – echt famos

Wenn in Folge Banken krachen,
haben Sparer nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus
heißt, Bewohner müssen raus.

Trifft’s hingegen große Banken,
kommt die ganze Welt ins Wanken –
auch die Spekulantenbrut
zittert jetzt um Hab und Gut!

Soll man das System gefährden?
Da muss eingeschritten werden:
Der Gewinn, der bleibt privat,
die Verluste kauft der Staat.

Dazu braucht der Staat Kredite,
und das bringt erneut Profite,
hat man doch in jenem Land
die Regierung in der Hand.

Für die Zechen dieser Frechen
hat der Kleine Mann zu blechen
und – das ist das Feine ja –
nicht nur in Amerika!

Und wenn Kurse wieder steigen,
fängt von vorne an der Reigen –
ist halt Umverteilung pur,
stets in eine Richtung nur.

Aber sollten sich die Massen
das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg längst bedacht:
Dann wird bisschen Krieg gemacht.

Das Ideal

ein echtes Gedicht von Kurt Tucholsky

Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.
Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

Neun Zimmer – nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve –
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) –
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.

Im Stall: Zwei Ponys, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad – alles lenkste
natürlich selber – das wär ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

Ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche – erstes Essen –
alte Weine aus schönem Pokal –
und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
Und noch ne Million und noch ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

Ja, das möchste!

Aber, wie das so ist hienieden:
manchmal scheints so, als sei es beschieden
nur pöapö, das irdische Glück.
Immer fehlt dir irgendein Stück.
Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –
hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

Etwas ist immer.
Tröste dich.

Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Dass einer alles hat:
das ist selten.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein, Anarchismus, Kapitalismus, Kulturkritik, Politik, Satire, Zynismus

Kommentar verfassen