Finis Germaniae

 

 

Migration oder Fressen geht vor Moral

 

in Erinnerung an Wolfdietrich Schnurre

 

Herden wandern

seit Anfang der Geschichte.

Und sie starben unerbittlich

an der Natur, an dem Klima, an den Jägern.

 

Da hilft kein Ethos,

keine Kultur,

kein Relativismus.

Da hilft kein Pathos.

 

Wir sind nicht gleich

und nie gleich gewesen:

Das Recht gehört den Reichen

und die, die Alpha beten.

Wer arm ist, muß beides

erdulden, gleichermaßen,

Wort und Gesetz!

Die Würde endet im Käfig.

Siehst Du die Wärter,

wie sie auf und ab gehen?

Die Chance gehört den Folgsamen

und Wohlgefälligen.

Auf Laufstegen präsentieren

sie die Hüllen der Leidlosigkeit

und Bequemlichkeit.

Der Wohlstand ist nicht teilbar.

Geteilter Hunger ist kein halber Hunger.

Geteilte Wunde ist keine Heilung.

Geteilter Schmerz ist immer noch Bitternis!

 

Wer forderte die Egalität?

Waren es nicht die Protestanten,

in ihrer Abwehr der Hohheit?

Nur Gott sei Ehre?

 

Wer an seiner eigenen Dummheit

stirbt

und sei er noch so mitleidswürdig,

was ist dem dann Gottes Werk?

Die Sterblichkeit?

 

Ach, verschwinde,

Lüge von der Habgier

der anderen- wir sind

nicht deren besser,-

wer teilen will,

muß teilen können…

 

Ich sehe noch das trockene

Brot unter den Achseln

im Regen schwinden…

 

Wer ißt, rettet sich

immer selber?

Gesetze der Natur,

in dir tief verborgen,

vor deiner Scham,

stößt du nicht um,

moralischer Mensch;

Iß, solang du noch kannst!

 

 

Wolfdietrich Schnurre: Auf der Flucht

 

Der Mann hatte einen Bart und war schon etwas älter; zu alt fast für die Frau.Und dann war auch noch das Kind da, ein ganz kleines.Das schrie dauernd, denn es hatte Hunger. Auch die Frau hatte Hunger. Aber sie war still, und wenn der Mann zu ihr hinsah, dann lächelte sie; oder sie versuchte es doch wenigstens. Der Mann hatte auch Hunger.
Sie wussten nicht, wohin sie wollten; sie wussten nur, sie konnten in ihrer Heimat nicht bleiben, sie war zerstört.
Sie liefen durch Wald, durch Kiefern. In denen knisterte es. Sonst war es still.Beeren oder Pilze gab es nicht; die hatte die Sonne verbrannt. Über den Schneisen flackerte Hitze. Das bisschen Wind wehte nur oben.Es war für den Bussard gut; Reh und Hase lagen hechelnd im Farn.
„Kannst du noch?“ fragte der Mann.
Die Frau blieb stehen. „Nein“, sagte sie.
Sie setzten sich. Die Kiefern waren mit langsam wandernden Raupen bedeckt.Blieb der Wind weg, hörte man sie die Nadeln raspeln. Das knisterte so; und es rieselte auch: Nadelstücke und Kot, wie Regen.
„Nonnen“, sagte der Mann; „sie fressen den Wald auf.“ „Wo sind die Vögel?“ fragte die Frau.
„Ich weiß nicht“, sagte der Mann; „ich glaube, es gibt keine Vögel mehr.“
Die Frau legte das Kind an die Brust. Doch die Brust war leer. Da schrie das Kind wieder.
Der Mann schluckte.Als das Kind anfing, heiser zu werden, stand er auf.
Er sagte: „Es geht so nicht länger.“
„Nein“, sagte die Frau.Sie versuchte zu lächeln, es gelang ihr nicht.
„Ich hol was zu essen“, sagte der Mann.
„Woher“, fragte sie.
„Lass mich nur machen“, sagte er.
Dann ging er.
Er ging durch den sterbenden Wald.Er schnitt Zeichen ein in die Bäume.
Er kam an eine Sandrinne. Die war ein Bach gewesen. Er lief über einen schwarz staubenden Platz. Der war eine Wiese gewesen.
Er lief zwei Stunden. Dann fing die Sandheide an. Auf einem Stein lag eine Kreuz­otter; sie war verdorrt. Das Heidekraut staubte.
Später kam er an einen unbestellten Acker.Darauf auch in ein Dorf; das war tot.
Der Mann setzte sich auf eine Wagendeichsel. Er schlief ein. Im Schlaf fiel er herunter. Als er aufwachte, hatte er Durst; sein Gaumen brannte.
Er stand auf, er taumelte in ein Haus.In dem Haus war es kahl. Die Schublade war aus dem Tisch gerissen und lag auf der Erde.Die Töpfe waren zerschlagen; auch die Fenster.Auf der Ofenbank lag ein Tuch. In das Tuch war ein halbes Brot eingebunden; es war hart.
Der Mann nahm es und ging.In den andern Häusern fand er nichts; auch kein Wasser.In den Brunnen lag Aas.
Von dem Brot wagte er nichts abzubrechen. Er wollte es der Frau aufheben. Feldfrüchte fand er nicht. Auch Tiere gab es nicht mehr; nur tote: Katzen, einige Hühner. Sie westen.

Ein Gewitter hing in der Luft.
Auf dem Feld zertrat der Mann eine Eidechse.Sie zerfiel in Staub.
Es donnerte. Vor dem Wald standen Glutwände. Er ging vornübergebeugt. Das Brot trug er unter dem Arm. Schweiß troff ihm in den Bart. Seine Fußsohlen brannten. Er lief schneller. Er kniff die Augen zusammen. Er sah in den Himmel. Der Himmel war schweflig; es blitzte.Nachtwolken kamen.
Die Sonne verschwand.

Der Mann lief schneller. Er hatte das Brot in den Hemdausschnitt geschoben, er presste die Ellenbogen dagegen.
Wind kam. Tropfen fielen. Sie knallten wie Erbsen auf den dörrenden Boden.
Der Mann rannte. Das Brot, dachte er, das Brot.
Aber der Regen war schneller. Weit vor dem Wald noch holte er den Mann ein.
Blitze zerrissen den Himmel. Es goss.
Der Mann drückte die Arme gegen das Brot. Es klebte. Der Mann fluchte. Doch der Regen nahm zu. Der Wald vorn und das Dorf hinten waren wie weggewischt.Dunstfahnen flappten über die Heide. In den Sand gruben sich Bäche.
Der Mann blieb stehen; er keuchte. Er stand vornübergebeugt. Das Brot hing ihm im Hemd, unter der Brust.Er wagte nicht, es anzufassen.Es war weich; es trieb auf; es blätterte ab.
Er dachte an die Frau, an das Kind. Er knirschte mit den Zähnen. Er verkrampfte die Hände. Die Oberarme presste er eng an den Leib. So glaubte er, das Brot besser schützen zu können.
Ich muss mich mehr über es beugen, dachte er; ich muss ihm ein Dach machen mit meiner Brust.Er darf’s mir nicht schlucken, der Regen; er darf nicht. Er kniete sich hin. Er neigte sich über die Knie.Der Regen rauschte; nicht zehn Schritte weit konnte man sehen.
Der Mann legte die Hände auf den Rücken. Dann beugte er die Stirn in den Sand. Er sah sich in den Halsausschnitt. Er sah das Brot. Es war fleckig; es bröckelte; es sah aus wie ein Schwamm. Ich werde warten, dachte der Mann. So werde ich warten, bis es vorbei ist.
Er wusste: er log; keine fünf Minuten hielt das Brot mehr zusammen. Dann würde es sich auflösen, würde wegfließen; vor sei­nen Augen.
Er sah, wie ihm der Regen um die Rippen herumfloss. Auch unter den Achseln schossen zwei Bäche hervor. Alles spülte über das Brot hin, sickerte in es ein, nagte an ihm.Was abtropfte, war trüb, und Krümel schwammen darin.
Eben noch war es geschwollen, das Brot, jetzt nahm es ab; Stück um Stück, und zerrann.
Da begriff er: Frau hin, Frau her; er hatte die Wahl jetzt: entweder es sich auflösen zu lassen oder es selber zu essen.
Er dachte: „Wenn ich es nicht esse, geht es kaputt, ich bleibe schlapp, und wir gehn alle drei vor die Hunde.Ess ich es aber, bin wenigstens ich wieder bei Kräften.“
Er sagte es laut, er musste es laut sagen; wegen der andern Stimme in ihm, wegen der leisen.
Er sah nicht den Himmel, der im Westen aufhellte.Er gab nicht acht auf den Regen, der nachließ.Er sah auf das Brot.
Hunger, dachte es in ihm, Hunger.Und: Brot, dachte es, Brot.
Da tat er’s.

Er ergriff es mit beiden Händen. Er drückte es zu einer Kugel zusammen. Er presste das Wasser heraus. Er biss hinein; er schlang; er schluckte: Kniend, wür­gend; ein Tier. So aß er es auf.
Seine Finger krallten sich in die Heide, in den nassen Sand.Die Augen hielt er geschlossen. Dann fiel er um. Seine Schultern zuckten.
Als er auftaumelte, knirschte ihm Sand zwischen den Zähnen.
Er fuhr sich über die Augen. Er blinzelte. Er starrte in den Himmel.
Sonne brach durch das Grau. Die Regenfahnen hatten sich in Dunst aufgelöst.Ein paar Tropfen noch, dann war er vorüber, der Guss. Helles Blau; die Nässe verdampfte.
Der Mann stolperte weiter. Die Handgelenke schlenkerten ihm gegen die Hüften.Das Kinn lag auf der Brust.
Am Waldrand lehnte er sich an eine Kiefer. Von weither war der Regenruf des Buchfinken zu hören; auch ein Kuckuck schrie kurz.
Der Mann suchte die Zeichen an den Bäumen; er tastete sich zurück. Im Farn und im Blaubeerkraut gleißten die Trop­fen. Die Luft war dick vor Schwüle und Dampf.
Den Nonnen war das Gewitter gut be­kommen; sie wanderten schneller die Stämme hinauf.
Der Mann machte oft halt. Er fühlte sich schwächer als auf dem Herweg.Sein Herz, seine Lunge bedrängten ihn. Und Stimmen; die vor allem.
Er lief noch einmal drei Stunden; die Rastpausen eingerechnet.Dann sah er sie sitzen; sie hatte den Oberkörper an eine Kiefer gelehnt, das Kind lag ihr im Schoß.
Er ging auf sie zu.
Sie lächelte. „Schön, dass du da bist.“
„Ich habe nichts gefunden“, sagte der Mann.Er setzte sich.
„Das macht nichts“, sagte die Frau. Sie wandte sich ab.
Wie grau sie aussieht, dachte der Mann.
„Du siehst elend aus“, sagte die Frau. „Versuch, ein bisschen zu schlafen.“
Er streckte sich aus. „Was ist mit dem Kind; warum ist es so still?“
„Es ist müde“, sagte die Frau.
Der Atem des Mannes fing an, regelmäßig zu gehen.
„Schläfst du?“ fragte die Frau.
Der Mann schwieg.
Nur die Nonnen raspelten jetzt.

Als er aufwachte, hatte die Frau sich auch hingelegt; sie sah in den Himmel.
Das Kind lag neben ihr, sie hatte es in ihre Bluse gewickelt.
„Was ist“, fragte der Mann.
Die Frau rührte sich nicht. „Es ist tot“, sagte sie.
Der Mann fuhr auf. „Tot?“ sagte er;
„tot -?l“
„Es ist gestorben, während du schliefst“, sagte die Frau.
„Warum hast du mich nicht geweckt?“
„Warum sollte ich dich wecken?“ fragte die Frau.
aus: Wolfdietrich Schnurre: Die Erzählungen. Olten (Walter) 1966.
S. 24 – 28

 

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