Die Lawine von Leh oder Eugenics, adieu!

Glaub mir, daß kein Atom verloren geht dem All. Hermann Ritter von Lingg

 

 

Odins Winterlied oder Ragnarök kongruent

 

Auf langen Märschen durch Raumes Zeit,

vergingen Völker, Horden, Stämme,-

zu töten waren sie auch bereit,

daß in dunkelster Zeit eine neue käme.

 

Wir kennen heut´ nicht alle Beichten,

vom Morden, Heucheln, Wesen plagen,-

im Wirbel gemeiner Zeichen,

ging unter, was sie bewog und wagten.

 

Drum sing´ ich, was Schamanen sangen,

nicht Heldenoden an Königshöfen,

nein, wie Menschen um Menschen rangen,

werd´ klagend ich kleiden, weinend beten.

 

Geschichtenschreiber Geschichte schreiben;

das was war, war seltenst wahr!

Vor Geschichte Menschen treiben,

übrig bleiben Visionen; das ist klar!

 

Ich deut´ Wege hungriger Nomaden,

Clans, die den Herden folgten.

Nennen werd´ ich normale Taten,

Leben am Überleben abgegolten.

 

Sinn der Lyrik längst verklungen,

Kulte starben in Automaten-Nacht!

Was zu künden, ist Vergehen abgerungen,-

Wesen sind bereit, erwachte Wacht!

 

Letzter Mensch, auf Erden wandelt,-

kein Weltengericht, kein Posaunenknall!

Wer jetzt nicht wehrt, auch spät nicht handelt.

Keiner lebt verkehrt, wer baut auf´s All!

 

Abgesang kann ich noch wählen,

Hoffnung ist nicht mehr Niveau!

Winter kommt, laßt also zählen,

wer wird leben, wer nicht mehr froh?

 

Gutes und Schlechtes geh´n verloren,

alles wächst aus Zellen Schlamm.

Gegensatz im Werden vergoren,

Gott und Ewigkeit sind kein Damm!

 

Stetes Leben schwappt in Fülle,

quillt in Raum und Fugen Gestalt!

Zum Ende flutet Feuer auch Kühle,

und Frieden wandelt sich in Gewalt!

 

Drehen und Wenden der Welten geht

und kommt zudem ohne Wahl.

Generationen erdulden, wer´s versteht,

in rotierenden Bränden, ohne Hall!

 

Völkerfrühling

Erloschen sind Gestirne, Nationen,
Ihr Nachglanz leuchtet in die fernste Nacht.
Zur Freiheit sind nach jahrelangen Fronen
Schon halbversunkne Völker neu erwacht.
Sie blicken nach der Väter Lorbeerkronen,
Erheben sich, und in verjüngter Macht
Versuchen sie auf Schiffen, Roß und Wagen
Ans Kampfziel einer neuen Zeit zu jagen.

Nicht lang mehr werden Mut und Tatlust rosten;
Siegreich in neuen Morgenröten stieg
Der Taten Sonne wieder auf im Osten,
Nachdem sie zürnend manch Jahrhundert schwieg.
Der Süden flammt, die Abendlande glosten,
Und alles deutet für die Völker Sieg.
Von allen Höh’n, der Knechtschaft überdrüssig,
Macht junges Licht das Eis der Vorzeit flüssig.

Von Frühlingsnebeln geht der Mond umflossen
Still im Zenith durchs tiefe Nachtazur.
Es sucht und fühlt in Knospen halb erschlossen
Ihr auferwachend Leben die Natur.
In allen Lüften mai’t es; Keime sprossen,
Und nicht im Schoß der stummen Erde nur:
Lebendig wird in Wonnen und in Schmerzen
Ein neues Dasein auch in Menschenherzen.

Sei mir gegrüßt, du milder Frühlingshauch,
Sei mir gegrüßt, du Strauch von jungen Rosen!
Ihr seid’s allein, die ich zum Dichten brauch‘,
Wenn abendlich im Vorhang Lüfte kosen,
Am Pult mir Blumen blühn, Frühwolken auch
Verkünden, daß nun bald die Donner tosen,
Daß bald vom Blitz der ersten Juniglut
Gekrönt der Berg ist und vom Schaum die Flut.

Wie süß ist’s, Ruder in den See zu schlagen,
Wenn noch die Wellen deckt ein Nebelflor;
Wie süß, in Frühlingsnächten hinzujagen
Auf schnellem Roß durch Heide, Wald und Moor,
Durch Gegenden, die finstre Züge tragen,
Wo Birke nur gedeiht und niedres Rohr,
Auf Bergen auch zu horchen, über Schluchten
Des Waldbachs Sturz, der Woge schnellen Fluchten.

Warum nicht unsre Phantasie betrügen?
Ist doch so vieles, was uns ernster macht,
Nur ein Erscheinen minder holder Lügen?
Durchschwärmt nicht unsers Erdballs schöne Nacht
Die Menschheit stets in neuen Maskenzügen?
Und wo sie jubelt, wehklagt oder lacht,
Sie folgt der Täuschung, wie das Schiff dem Glanze
Der Mondlichtstreifen auf dem Wellentanze.

Verlassen lag ich einst in Finsternissen,
Voll Zweifelsqual, verzehrt vom innern Brand.
Von dir ward ich dem schweren Traum entrissen,
Von dir, Geschichte! Deine Geisterhand
Ließ bald mich ein gequältes Selbst vermissen,
Du gabst die Erde mir als Vaterland.
Gelingt mir je ein Lied zu meinem Ruhme,
Dir folg‘ es, wie dem Licht die Sonnenblume.

Zwar neigt der Tag schon bald sich meinem Haupte,
Und näher rückt des Lebens Mittagszeit,
Und die mit Rosen noch den Tag umlaubte,
Die Jugend sinkt hinab in Dunkelheit.
Zu früh erbleicht, was man zu dauernd glaubte,
Zu spät wird man von manchem Wahn befreit;
Nur ein Trost bleibt, der Trost, im großen Ganzen
Sich geistig, sich unsterblich fortzupflanzen.

Zersplittert wird die Kraft, der Mut gebrochen,
Die Glut wird Asche, wie die Hoffnung Schaum,
Doch wird das Herz im Herz der Menschheit pochen,
Wenn längst zerfloß das Dasein wie im Traum;
Die Blüte wird zur Frucht nach wenig Wochen,
Nach Jahren aus der Frucht ein neuer Baum;
Wenn alles auch ein letzter Tag bewältigt:
Im All lebt alles fort vertausendfältigt. –

Stürmt an, dringt vor, ihr tapfern Siegesboten
Des Weltgerichts! Auf, blonder Alarich!
Vandalen, Markomannen, Sueven, Goten,
Auf, Attila! Auf, düstrer Geiserich!
Werft diese Stadt hinunter zu den Toten,
Ihr Maß ist voll, ihr graus‘ Gestirn erblich.
Dringt an, stürmt vor, und euren blut’gen Wegen
Folg‘ Heil und einer neuen Ära Segen!

Herrmann von Lingg

 

 

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Allgemein

Kommentar verfassen