FERNE STERNE! LERNE KERNE, schnell!

Sterne. Bei Gott brennt Licht. Jules Renard

Sterne. Bei Gott brennt Licht. Jules Renard  ὑβρίζειν – Methodischer  NaTuRaLiSmUs

 

Die Welt ist tief und tiefer als der Tag gedacht! (Nietzsche)

 

 

Hybris eines NOCH-Hochtstablers

für Arseni Tarkovski

                                 „Unsterblich alle. Und unsterblich alles. Fürchte
                                   Den Tod mit siebzehn Jahren nicht,
                                   Mit siebzig nicht. Es gibt nur Sein und Licht,
                                   Nicht Finsternis noch Tod auf dieser Erde.

                                   Wir stehn am Meeresrand schon lange Zeit,
                                   Ich bin bei denen, die die Netze nehmen,
                                   Wenn wie ein Schwarm zieht die Unsterblichkeit.

I.

Zügellos, ohne Widerstand

-Sternen ist Leid unbekannt-

sind die Erscheinungen Gottes?

 

Warum suchen wir Maß, wenn

wir von Schöpfung reden?

Physik gehorcht schon lang‘ der

Logik nicht mehr. Das Licht ist müde

im tumultuösen Fest des Seins.

 

Verspätete Sonne kreuzt unbekannt

Bahnen längst verloschener Inseln

in pechender Dehnung der Gefüge.

 

Natur ist selbst sich fremd, wie

Kerne dem Kürbis, Haut dem Manne,

Sünde den Unverstellten. Kinder, wären

sie bloß nur Kinder, kämen dem Nahe; aber

auch sie sind nur Täler im Geschehen von

Aufblitzen und Verglühen. Arme Kinder, die

all‘ uns’re sinnlosen Illusionen für eine

bess’re Welt tragen müssen, die wir im „Hier

und Jetzt“ nicht hinkriegen. Warum sollten sie’s

besser machen: Sind sie doch Fleisch vom

Fleisch von der Asche der Asche der Sonnen,

die nicht wissen, nicht fühlen, nicht hoffen,

nicht bangen, nicht gehen, nicht kommen?

 

Wer ohne Zeit ist,

ist ohne Horizont.

Rettet uns, ihr

Plasmabälle

des Photonenwurfs

der Selbstverzehrung!

πρῶτον κινοῦν ἀκίνητον?

 

Ach, was denk‘ ich mir die Schläfen blau, die Stirn

leuchtet nicht sonnenhell, wie sehr ich’s mir

auch wünsche: Buddha trug einmal das Licht

der Welt auf der Zunge. In dem Moment, in dem er

es aussprrach, war es schon wieder Zwilicht. Ich

zwilichte, ich schillere, wie ein Himbeerkuchen im

Sommernachmittag. Warmer Tee, frische Milch,-

und wieder bin ich Kind und wach und selbst der Angst

befreit in den Erscheinungen Bedeutung zu suchen.

 

Es ist was an den Kindern! Ach könnten Physiker,

Logiker, Ärzte, Priester, Richter -Kindersein;- nur

eben jene Kinder, die unbestraft das Licht geseh’n.

 

Schönes, sterbendes, wiederkehrendes, klebriges Licht,

das Toten und Super Novae  vorangeht, steil

wie eine Palme, strebsam wie Gras, unmittelbar wie

ein plötzlich geschenkter Kuß aus Freude. Ich weiß

um meine überspannte Natur, aber demütig bin ich im

Leben. Ich lebe meine Natur nicht; sei froh Mitmensch!

 

II.

Märchenhafte Namen, als ging es um Speiseeis für

Erfrorene: Roter Riese, weißer Zwerg, blauer Riese,

gelber Zwerg, Riesenzwerge, Rübezahl und Zahlentod.

Milchstraßen und eisige Haufen schwarzer Materie,

schwarzer Energie, schwarzer Zauber, weiß Magie:

Wie einfallslos kindisch und naiv sind Astro-Nomen!

 

Immer wenn sich einmal alles dreht, sind ein Tag und ein

Jahr und zweihundertfünfundzwanzig Millionen Jahre

vorbei : Alles hat seinen Spin, einen Drive, eine Drehung-

selbst Photonen. Ich rotiere vor Magenschmerzen; Kuchen!

 

Heroische Namen für unsere Rastplätze auf dem Weg

ins Universum,

als hätten wir die Antike überwunden, wie ein fluffiges Omlette.

Starb Dein Sohn auf den Falklands,

oder Afghanistan? Bitte, bleib sitzen, ich schenk‘ Dir ein?

Milch, Zucker?

Oder war es Normandie, Kursk, Okinawa, Cannae

oder Flandern?

Die Zeit ist ja so relativ, wenn die Zellteilung nicht wäre…

Etwas Creme auf die Scones?

 

Welche Kinder schicken sie in den Krieg?

Sind es dieselben, die sie zu den Sternen schicken?

Steigen die Seelen auf oder steigen sie hinab?

 

Weltbilder dreh’n sich auch, nur langsamer,

wie eiernde Pillen, getreten als beschissene Flanken.

Verstreicht der Moment, wie kühlendes Quellwasser

auf langer Wanderung? Schlag nicht aus, was du haben

kannst. Vergänglichkeit ist kein Grund für das Ablehnen

eines billigen Vergnügens, einer Erquickung in silbernen

Schalen. So beten wir, Silber lädt zum Beten ein und Gold

verführt zur Sünde. Schau, Barock wurde in Sternen erbrütet!

 

Brut der Sterne verfallen, der Vergänglichkeit, der Ewigkeit.

Heb‘ an das Lachen, wie ein Schlag ins Gesicht; laß‘ deine

Erhabenheit singen. Werd‘ Gott blutigen Klingens.

 

III.

Stroh im Kopf, Strohköpfe-

keine Strahlungen- wie überirdisch

grün leuchtet Radium- mit Stroh

gestopfte Köpfe wissen das nicht zu

würdigen. Und wieso sollten sie auch,

schmeckt doch ein guter Merlot das

Unwissen um die Geheimnisse hinweg:

Manchmal schrillt ein Wecker, und wir

wachen auf. Der Wecker kann ein Unfall

sein, eine spontane Erkrankung, ein Mord,

ein Krieg;- wir stehen davor, als wären wir

nicht im Innersten des gefährlichsten „Dinges“

überhaupt im Leben: Dem Wahlbauchuniversum!

 

Dann und wann schneid‘ ich mir einen Kanten

Käse ab- Parmesan, trocken, bröselig, speichel-

zusammenziehend- nur so, um mir zu beweisen,

daß ich mir vom Leben nehmen kann: Wann

erlauben wir uns, jenes zu tun, nach dem es uns

dürstet, wenn nicht sogar nötigt? Radium, oh

wunderbares Grün, laß mich Dich trinken und sehen.

 

Sterne auf der Bowling-Bahn, auf Limmo-flaschen,

Scherz-artikeln, Leibern, Rücken, Händen, Fingern,-

Das Banner der Freiheit, der Geilheit, der territorialen

Souveränität. Über-All Sterne, auf Bettdecken und

Gleitcrems, auf Mogelpackungen von Liebe;

ich stehe auf  Sterne auf Chips- und Kräckerntüten mit Frischkäse.

 

Das Ende eines Tempels

ist nicht sein Ausgang,

sondern sein Zusammenbruch.

Körper sind Tempel,

immer kurz vor’m Ende

-im Vergleich-

zu Spannen der Sterne.

 

Ich esse Mond.

Ich esse Mond.

Ich esse Mond.

 

Anfang beginnt mit

Auf-Schrei, Ende

schließt mit Fiepen.

 

IV.

Maßlose Allesfresser, die selbst

eigenes Licht verdauen, mit dem

Anfang von Allem angewachsen:

Was für dämonische Götzen! Guck

mal, manchmal ko(e)tzen sie Jets und Streams!

 

Wir beten zu allem, was wir nicht

begreifen. Physiker beten die Existenz

an, egal wie lebensunfähig sie selbst sind.

Geregeltes, sorgenfreies Leben ist

Grundlage in Instituten und Universitäten,

diese Sandkastenkinder!

Manchmal hör‘ ich mir ihre

Predigten an; geheiligte Simulation der Quasare!

 

Andere Sonnen fliegen wie Nachbar

Scholz vorbei und werfen Dreck vor

unsere Haustür. Unverschämtes Glück,

wir wurden nicht getroffen! Und der Nächste?

 

Herrliche Messen, spannend

wie Schiffeversenken. Da gehen alle

Koordinaten flöten. Das Tuten des Raumes,

das Quietschen und Getrappel; alle Sternlein

sind schon da und knallen vor die große Mauer.

 

Wie schmeckt Vakuum,

kaust Du auch auf Spiralnebeln?

Gelobet sind die Logbücher der Mathematiker,

schöne gleichmäßige und vollkommene

Gebetsformeln. Liebe den Ritus des

Wurzelziehens, auch beim Zahnarzt. Amen, Amen, Amen!

 

Das espressoschwarze Methan-Gewässer

da oben,

auf irgendeinem tauben Mond,

soll uns eine zweite Heimat werden,

obwohl uns die erste noch nicht zwittrig!

 

Da oben,

wo es kein Omen, keine Versprechen

gibt,- nur dein eigenes ambivalentes Wort,

Du Mensch, der kommt und geht und

nicht besteht, sind wir nicht wie diese

Planeten und Titanen , die sich drehen

und winden und kreisen und spillern,

wie zu alte Jollen, ohne Schwert und Ruder!

Gewiß, es ist ein Wunder,-wir erleben immer noch,

egal ob göttliche oder mathmatische Ordnung

uns leitete. Nautik ist auch eine Sache des Glücks.

Du, der Du nur Besucher bist, tritt ein und sei hier

Gast. Können wir Gast sein, wenn wir anderswo

Welt besteigen, wie wilde Hengste die Stuten?

Diese Welt ward uns gegeben und mit eingeboren ist

unser Leben. Andere Welten sind andere Moralitäten.

Aber auch die beste Predigt endet

und ich gehe meinem Handwerk nach.

 

V.

Sterne sind Hybris, darum

grübeln wir über sie nach, wie unsere

Vorstufen am Lagerfeuer. Sterne

sind die eigentlichen Götter, darum

geben wir ihnen Namen, wie unseren

Kindern. Wie alles im Himmel, so auch

auf Erden. Wie sicher wir uns doch fühlen,

ist alles hermetisch in Ordnung! Aber wir

sind längst hinausgeworfen worden aus

dem Wigwam unserer Kindheit. Geborgenheit

ist Märchen, ein Kindermärchen. Kalt ist

Eis des Kosmos, schmeckt nach fauligen Gasen!

Und siehe, es sendet uns wie

Kinder mitten in die Unbegreiflichkeit;

darum sei klug wie das Licht selbst,

sei harmlos wie das Gras!

Aber hüte dich vor den Menschen!

Sie sind überantwortet dem Tod und der Finsternis.

Sie werden dich biegen, beugen, brechen,

wie die Palmen im Sturm.

In ihren Schulen lehren sie das Foltern.

Und man wird dich vor Idioten und Anführern bringen

um deinetwillen, zum Zeugnis über Zeit und Raum.

Wenn sie dich verjagen und bekriegen,

so sorge dich nicht, wie oder was du reden sollst;

denn es soll dir am Ende gezeigt werden, was du sehen sollst.

Denn du bist es nicht, der da redet,

sondern das Universums ist es, das in dir durch dich leuchtet.

Es wird aber ein Mensch dem andern Tod bringen, gewollt oder ungewollt.

Und du sollst mit Fragen überschüttet werden, und deine Abkömmlinge werden sich empören wider

deine Vorfahren und jeder wird am Tode des anderen beteiligt sein.

Hasse nicht, liebe nicht, dann ist es sternenklar.

Und ruf Welt beim Namen, ruf sie aus dem Schlaf!

Nenn die Dinge, die dir Furcht und Frucht bringen,

denn jedermann wird bei seinem Namen gerufen werden.

Wer aber bis ans Ende ausharrt, der wird selig erwachen, aus dem Leben im Tode.

Es ist, was es ist, zeigt dir der Himmel!

Es wird sein, was sein muß,

sagt Dir Dein Stern!

„Man muß (noch) Chaos in sich haben,

um einen tanzenden Stern gebären zu können.“ (Friedrich Nietzsche)

Zwei Mal Halley oder ein ernsthafter Jünger

 

 

6 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemein, Anarchismus, Buddhismus, Darwinismus, Idylle, Kindheit, Klimawandel, Krankheit, Kulturkritik, Raumfahrt, Religionsphilosopie, Umweltschutz, ZEN

6 Antworten zu “FERNE STERNE! LERNE KERNE, schnell!

  1. Hast Du denn schon mal Mathilde Ludendorff gelesen? Ich GLAUBE, ich habe so den VERDACHT, daß Du Ihr einiges abgewinnen könntest.
    Ich bin wie Du: Ein großer Verehrer von Rilke, ein großer Verehrer von Nietzsche. Wenn ich etwas mehr Ruhe habe, werde ich auch dieses Gedicht ruhiger lesen. Ich möchte meinen, daß in ihm viel enthalten ist. An einigen Stellen möchte man nur ein paar Worte umstellen und dann sagen: Dieser Satz könnte auch von Mathilde Ludendorff gesagt sein.

    • Ich las Mathilde Ludendorff in Philosophie.
      Ihren Siegeszug der Physik und ihr Wagnis der Schöpfung. Ich bin kein Kenner ihrer Schriften. Und nein, ich umgehe theologische Erkenntnistheorie. Nicht böse sein. 😉

      • Zerrissenheit, Bitterkeit, Zynismus spricht aus diesen Zeilen. Gleichzeitig sprechen diese Zeilen von schönen Dingen. Schade, daß sich immer wieder so viel Bitterkeit und Zynismus hineindrängt.
        Ein Satz wie „Physik gehorcht schon lang der Logik nicht mehr“, ist leider sehr falsch. Physik besteht NUR aus Logik und dem Gehorchen der Logik. Freilich ist die Physik so weit vorgedrungen, daß sie Bereiche erreicht hat, die nicht mehr vollständig in jene Kategorien eingeordnet sind, in denen die menschliche, naturwissenschaftlichen Vernunft denkt. Aber auch dort geht es mit rechten Dingen zu und besteht kein Grund zu zu großer Verwirrung oder gar Bitterkeit.

        Was heißt es, wenn sie sagen, sie haben sie „in Philosophie“ gelesen? In welcher Philosophie?
        Wieso ist Erkenntnistheorie theologisch?
        Ihre oft inhaltsreichen Gedankenansätze nehmen immer wieder wunderliche Wendungen, die Kommunikation und Verständnis schwer macht, schade.

      • Von welcher Physik reden wir? Standardmodell oder Stringtheorie? Das tertium non datur (wesentliche Voraussetzung der Logik) hat Heisenberg schon in seiner Kopenhagener Deutung hinter sich gelassen. …Ich las Sie(Ludendorf) im Studium…und (ich bin mit meiner Sichtweise nicht alleine) für Nietzsche war Erkenntnistheorie nichts weiter als Theologie. Hier empfehle ich „Lüge und Wahrheit im außermoralischen Sinne“.
        Und Ja, meine Gedankenwelt ist wunderlich, weil sie dem Willen und nicht dem Glauben folgt.

    • Ein tumultöses Fest des Seins gibt es gewiß. Aber warum sollte das Licht an sich je „müde“ werden (im Vakuum)? Dafür gibt es keine Anhaltspunkte. Höchstens wenn ein Stern ausbrennt, erlischt, aber dann ist es nicht das Licht selbst, das müde wird, sondern der Stern.

      Kinder sind „Fleisch von der Asche der Sonnen, die nicht wissen, nicht fühlen, nicht hoffen, nicht bangen, nicht gehen, nicht kommen?“ Nein, Kinder sind Fleisch von warmblütigen Eltern und Menschen, die fragen und wissen können.

      „Wer ohne Zeit ist, ist ohne Horizont.“ Gerade der entfernte Horizont gibt einem doch ein Gefühl von Zeitlosigkeit. Gerade wer einen weiten Horizont vor Augen hat, bekommt ein klareres Bewußtsein für Zeit und Zeitlosigkeit.

      Es folgen dann schöne Worte über Kinder.

      Alles in allem: Stefan George war in seinen besten Gedichten insofern viel „besser“ als er sich mehr ans Gegebene hielt und sich nicht in allzu krasse gedankliche, schillernde Widersprüche, in gedanklich Widerstreitendes verirrte. Diese sind im Gedicht – meines Erachtens – störend. (Sprich: Manchmal könnten dem Dichter sogar gute Physikkenntnisse dienlich sein!)

      Ansonsten hätte ich gesagt, daß Du manche Begabung für echte Dichtung hast. Was hältst Du von Josef Weinheber? Bei dem fließt oft auch Bitterkeit oder gar Zynismus in die Gedichte ein, aber so, daß er sich letztlich immer wieder – „heroisch“ – über sie erhebt.

      • George und Weinheber waren ihrer Zeit zu weit voraus. Darum verloren sie sich im Elitären.
        Licht „ermüdet“ nicht im Sinne der Relativitätstheorie, aber sehr wohl in der Vielweltentheorie. Am Ende steht der „Big Rip“ des Universums. Der besteht in einer systematischen Kettenreaktion der Umpolung der Elementarteilchen. Das kann man sehr wohl als „Ermüdung“ ansehen, wie die Materialermüdung einer Maschine. Einstein konnte nie erklären, warum sich zwar nichts schneller bewegt als Licht, aber das Universum sich in Überlichtgeschwindigkeit ausdehnt. Genau darin liegt ein tiefer Witz.

        Wir sind alle Sternenstaub. Alle Elemente wurden in Sternen, SuperNovae und verschmelzenden schwarzen Löchern „erbrütet“. Und genau dieses „erbrüten“ übersetze ich auf unsere Kinder. Das organische vom anorganischen Leben zu trennen ist nur ein Trug.

Kommentar verfassen