Die Eliten haben nichts von der Demokratie

„Was soll man einem Menschen antworten, der sagt, dass er lieber Gott als den Menschen gehorchen will und dass er, als Konsequenz, sicher ist, den Himmel zu verdienen, wenn er sie umbringt.“

„Was soll man einem Menschen antworten, der sagt, dass er lieber Gott als den Menschen gehorchen will und dass er, als Konsequenz, sicher ist, den Himmel zu verdienen, wenn er sie umbringt.“ Voliaire „Traité sur la tolérance“

 

Das eiserne Gesetz der Oligarchie oder ein Filmdrehbuch vor Aleppo

Blendung,es zuckt das Objektiv. Schmal ausgeleuchtet, der Held.

Haubitzengrollen! Der Djihadist kämpft mit dem Jeep.

Er bremst und rennt zu einem Zeltlager. Seine AK47 schlenkert

an der Seite. Er hält sie fester am Riemen und rückt vor.

Aus Zelt tritt älterer Mann entgegen mit einladener

Geste. Milder Blick streift den wilden Kämpfer entschlossen….

*

-„Ich bin Diener des Kalifen, als Kurier gesandt

nach Aleppo. Ich muß rasten. Ihr kennt meine Fahne!“

-„Ein Sandsturm zieht auf. Gast ist Gast, Deine Fahne kümmert nicht!

Komm ins Zelt und trinke Tee! Ich sorge für Wasser und Benzin.

Der Soldat tritt in ein dunkles, geflicktes Beduinenzelt,

von einer kleinen zentralen Feuerstelle erhellt.

Und nach Flattern der Eingangsdecke, im Zwielicht dunkel wieder hell,

sieht er dort Kochkiste, hier alte silberbeschlagene kurdische Büchse.

In der Ecke, Familienfotos,verblassen,- Bild stolzen jesidischen Weibes……

ein schönes, edles Weib, im alten braunen Rahmen.

Der Gotteskrieger wirft sich auf den Teppich neben der Feuerstelle

und starrt in flackernde Glut unterm Kessel; er brütet, er gafft…..

Es steht ihm still Nackenhaar zu Berge. Er kennt, Kessel, Teppich, Zelt….

Kohlen glühen rot. Zwei Hände winden sich in Flammen.

Eine alte Frau kehrt ein ins Zelt, bestellt Tee und Fladenbrot.

Ein kleines Mädchen schlüpft hinzu und hilft der Alten geschwind.

Zweites Mädchen trägt Gedeck vor den Gast und richtet Gedecke.

Die Kinder starren vor Angst zu Boden; Augen wandern irrtiert.

Kohlen glühen rot. Zwei Hände winden sich in Flammen.

*

-„Allah! Dasselbe Gewehr! Dieselben Teppiche!

Drei  Jahre sind es her…Auf einer  Jesidenjagd…in Sindschar

Dies feine, unbezwingbare Weib – „Wo steckt der Scheich? Red!“

Sie windet sich. „Red schon!“ Sie windet sich. „Wo ist erl?“ Sie windet sich.

Ich zürne! Dieser Stolz! Ich kneble sie, fessle ihre Füße, diese Unbeugsame…

Ihre bloßen Hände pack ich ihr und stecke sie

tief in den Haufen Glut… „Sprich endlich!“…sie windet sich…

Ihr Knebel würgt sie. Erkanntest Du nicht alten Mann vorm Zelt?

Welch böser Geist ließ Dich hier rasten, Du blinder shaytan!

Hat er nur eine Spur Liebe in sich, schneidet er Deinen Kopf vom Rumpf!“-

Der Scheich tritt ein “ Träumst du, werter Gast, laß uns beten und essen….“

*

Das sitzen sie alle um die Tafel herum in tiefe Stille versunken.

Er beugt sich. Kein Kind spricht Tischgebet.

Sie starren ihn mit angstvollen Augen an. –

Er verschüttet den Tee, er stürzt den Trunk,

Springt auf: “ Scheich, gebt mir meine Lagerstatt!

Müd bin ich von der langen Fahrt!“ Die alte Frau führt

ihn zu einem Nebenzelt. Auf halben Weg schaut er zurück.

Das Mädchen flüstert ins Ohr des Scheichs…..

Der Dienerin folgt er taumelnd ins Zelt.

*

Er kann hier keine Tür verriegeln! Er prüft Sturmgewehr, Bajonett.

Laut peitscht Sand die Plane. Das Zelt verbiegt, der Wind verbeult.

Die Stangen knarzen……Stapft dort ein Schritt? Schleicht dort der Scheich?

Überreizt, verängstigt. So gehen Stunden wie Jahre vorbei.

Auf seinen Augen steht der Schlaf. Und letztlich übermüdet fällt er in

Scherazades Schleier. Draussen tobt der Schamal.

*

Er albträumt. »Gesteh!« Sie windet. »Sag schon!« Sie windet.

Kohlen glühen rot. Zwei Hände winden sich in Flammen.

Aufbraust und zischt das Feuerherr, das ihn vertilgt …

– »Erwach! Du solltest längst gegangen sein! Der Sturm ist vorbei!«

Durch Vorhang in das Hinterzelt gelangt,

Steht vor seinem Lager der Scheich – aschfahl, ergrimmt,

der ihm gestern noch schenkte mild die gütigsten Augen.

*

Sie gehen über Verwehungen zum Jeep. Der Schamal schweigt.

Der Wagen zugeweht, steht am Straßenrand.

Halbverhungerter Hund kreuzt ihren Weg, unausgeschlafen.

Wolkenloser tief blauer Himmel, leicht atmet sich die Luft,

Als kehrten Engel heim von einer nächtgen Wacht.

Die weißen Dünen atmen kräftgen Sandgeruch,

Das Tal öffnet sich. Auf Pfade gehen Kamele.

Der Djihadist lauert aus den Augenwinkeln: »Scheich,

Ihr seid ein kluger Mann, voller Besonnenheit.

Ihr wisst, dass ich dem grössten Kalifen Diener bin.

fi amman Illah! As Salamu alaykum wa rahmatu Llahi wa barakatih!

(Gott schütze dich! Friede sei mit euch und die Gnade Allahs und sein Segen!)

« Der andre spricht:»Du sagst es! Dem grössten Kalifen Diener! Heute war

mir sein Dienst schwer … Gemordet hast du teuflisch mir

das Weib! Und lebst … Mein ist die Rache, redet Allah.«

نعمة

نعمة

 

Die Füße im Feuer

Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm
Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Ross
Springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust
Im Wind. Er hält den scheuen Fuchs am Zügel fest.
Ein schmales Gitterfenster schimmert goldenhell
Und knarrend öffnet jetzt das Tor ein Edelmann …

– »Ich bin ein Knecht des Königs, als Kurier geschickt
Nach Nîmes. Herbergt mich! Ihr kennt des Königs Rock!«
– »Es stürmt. Mein Gast bist du. Dein Kleid, was kümmerts mich?
Tritt ein und wärme dich! Ich sorge für dein Tier!«
Der Reiter tritt in einen dunkeln Ahnensaal,#
Von eines weiten Herdes Feuer schwach erhellt,
Und je nach seines Flackerns launenhaftem Licht
Droht hier ein Hugenott im Harnisch, dort ein Weib,
Ein stolzes Edelweib aus braunem Ahnenbild …
Der Reiter wirft sich in den Sessel vor dem Herd
Und starrt in den lebendgen Brand. Er brütet, gafft …
Leis sträubt sich ihm das Haar. Er kennt den Herd, den Saal …
Die Flamme zischt. Zwei Fusse zucken in der Glut.
Den Abendtisch bestellt die greise Schaffnerin
Mit Linnen blendend weiss. Das Edelmägdlein hilft.
Ein Knabe trug den Krug mit Wein. Der Kinder Blick
Hangt schreckensstarr am Gast und hangt am Herd entsetzt …
Die Flamme zischt. Zwei Füsse zucken in der Glut.

– »Verdammt! Dasselbe Wappen! Dieser selbe Saal!
Drei Jahre sinds … Auf einer Hugenottenjagd …
Ein fein, halsstarrig Weib … ›Wo steckt der Junker? Sprich!‹
Sie schweigt. ›Bekenn!‹ Sie schweigt. ›Gib ihn heraus!‹ Sie schweigt.
Ich werde wild. Der Stolz! Ich zerre das Geschöpf …
Die nackten Füsse pack ich ihr und strecke sie
Tief mitten in die Glut … ›Gib ihn heraus!‹ … Sie schweigt …
Sie windet sich … Sahst du das Wappen nicht am Tor?
Wer hiess dich hier zu Gaste gehen, dummer Narr?
Hat er nur einen Tropfen Bluts, erwürgt er dich.« –
Eintritt der Edelmann. »Du träumst! Zu Tische, Gast …«

Da sitzen sie. Die drei in ihrer schwarzen Tracht
Und er. Doch keins der Kinder spricht das Tischgebet.
Ihn starren sie mit aufgerissnen Augen an –
Den Becher füllt und übergiesst er, stürzt den Trunk,
Springt auf: »Herr, gebet jetzt mir meine Lagerstatt!
Müd bin ich wie ein Hund!« Ein Diener leuchtet ihm,
Doch auf der Schwelle wirft er einen Blick zurück
Und sieht den Knaben flüstern in des Vaters Ohr …
Dem Diener folgt er taumelnd in das Turmgemach.

Fest riegelt er die Tür. Er prüft Pistol und Schwert.
Gell pfeift der Sturm. Die Diele bebt. Die Decke stöhnt.
Die Treppe kracht … Dröhnt hier ein Tritt? Schleicht dort ein Schritt? …
Ihn täuscht das Ohr. Vorüberwandelt Mitternacht.
Auf seinen Lidern lastet Blei, und schlummernd sinkt
Er auf das Lager. Draussen plätschert Regenflut.

Er träumt. »Gesteh!« Sie schweigt. »Gib ihn heraus!« Sie schweigt.
Er zerrt das Weib. Zwei Füsse zucken in der Glut.
Aufsprüht und zischt ein Feuermeer, das ihn verschlingt …
– »Erwach! Du solltest längst von hinnen sein! Es tagt!«
Durch die Tapetentür in das Gemach gelangt,
Vor seinem Lager steht des Schlosses Herr – ergraut,
Dem gestern dunkelbraun sich noch gekraust das Haar.

Sie reiten durch den Wald. Kein Lüftchen regt sich heut.
Zersplittert liegen Ästetrümmer quer im Pfad,
Die frühsten Vöglein zwitschern, halb im Traume noch.
Friedselge Wolken schwimmen durch die klare Luft,
Als kehrten Engel heim von einer nächtgen Wacht.
Die dunkeln Schollen atmen kräftgen Erdgeruch,
Die Ebne öffnet sich. Im Felde geht ein Pflug,
Der Reiter lauert aus den Augenwinkeln: »Herr,
Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit
Und wisst, dass ich dem grössten König eigen bin.
Lebt wohl! Auf Nimmerwiedersehn!« Der andre spricht:
»Du sagsts! Dem grössten König eigen! Heute ward
Sein Dienst mir schwer … Gemordet hast du teuflisch mir
Mein Weib! Und lebst … Mein ist die Rache, redet Gott.«

(Conrad Ferdinand Meyer)

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