Monatsarchiv: Juli 2014

Wenn ein Buddha den Kopf verliert, ist Erleuchtung erst möglich.

Buddha des verlorenen Hauptes. Sharma-Mudra

 

 

Vendetta

Prolog
( Et eunt homines mirari alta montium et ingentes fluctus maris et latissimos lapsus fluminum et oceani ambitum et gyros siderum, et relinquunt se ipsos.
„Und es gehen die Menschen hin, zu bestaunen die Höhen der Berge, die ungeheuren Fluten des Meeres, die breit dahinfließenden Ströme, die Weite des Ozeans und die Bahnen der Gestirne und vergessen darüber sich selbst.“ (Augustinus Confessiones X, 8) )

Es war im Jahre 1956, in einem kleinen verschlafenen Dorf in der Toskana, namens Cetona, welches sich an den gleichnamigen Berg, nahe Siena, anschmiegt. In den überbelichteten Juni ragte die Burg der Vitellis bis zum Auzurrit des Himmels und warf einen sehr kurzen Schatten auf die ersten Reihen ziegelroter Dächer. Am nächsten Tag wäre Tag der Republik gewesen.
Auf der Piazza „Michele“ spielten die Kinder nach der Schule vor der Chiesa di San Michele Arcangelo „Fangen und Treiben“. Es war lustig, ihnen bei ihren Hetzjagden zuzusehen und ihren immer wieder erfinderischen Neckerreien zuzuhören. Die Mädchen fingen die Jungen, die Jungen die Mädchen, die Großen die Kleinen, die aus dem Oberdorf, die aus dem Unterdorf;- In zwei Wochen würden die Sommerferien anbrechen und der Übermut der jungen Hüpfer war umso mehr ungezwungen, ohne Flaute, voller Lebensfreude.
Immer mal wieder kam ein seltenes Auto, ein schwerer Traktor oder ein pfiffiger Vespafahrer die Dorfstraße hochgebraust, beladen mit Festtagsschmaus und Kartons. Die Kinder sprangen, sich gegenseitig Achtung zurufend, schnell beiseite an die Häuserwände, ließen das Fahrzeug hindurch und fluteten gleich wieder in die Piazza mit neuem Schabernack im Blick. Dort, wo die Straße verengt zwischen großen Bürgerhäusern auf die Piazza einfloß, spielten größere Mädchen Gummitwist und Seilspringen, im Schatten. Ihre bunten Röcke flatterten im Wind ihrer Sprünge, und ihre weissen Socken blinkten im Schatten, wie wilde Glühwürmchen beim Abendtanz. Ihre Gesänge klatschten mit dem Rhythmus ihrer Aufsätzer und dem Motorgeräusch der Vorbeifahrenden gegen die Häuserwände und echoten über die Gassen und Treppen hinauf bis zur Burg.
Schon kam wieder einer die Straße hoch und der erste, der ihn sah, pfiff ein Achtungszeichen, und es wiederholte sich der Freudentanz. Eines der seilspringenden Mädchen rief fröhlich zurück, ob alles frei sei und ein anderes Mädchen anwortet mit lachend heller aber ernster Stimme:“ Es kommt keiner mehr!“
Ungefähr zur selben Zeit schob sich der blauweiße, keuchende Postbus die Steige von Cetona hoch, vor ihm ein alter Fiat Balilla , biltzrot, als wäre er gerade der Hölle entfleucht. Der Postbus wurde seit Dorfanfang immer wieder vom Balilla ausgebremst, so daß der Fahrer gehörigen Abstand zu seinem Vordermann hielt. Der Fiat flog regelrecht laut hupend auf die Piazza und die Mädchen bemerkten ihn nur knapp, aber alles ging gut. Und wieder hörte man das laute:“Es kommt keiner mehr!“ Und als das erste Mädchen auf die Straße trat, nahm das Unabwendbare seinen Lauf. Der Postfahrer, genervt, nahm gerade beherzt mit seinem Bus Anlauf und wollte aufschließen, bevor der Motor auf der Steige abzusaufen drohte. Die Mädchen erschraken vorm donnernden Echo des Diesels und eines, jenes mit dem Gummiband, wollte gerade seine Ansage korrigieren, doch die Reifen des eisbergschweren Interurbano überrollten die zwei Mädchen mit dem Springseil schneller, als die Warnung ausgerufen werden konnte.


Es hingen lange Wochen, bis weit in den Spätsommer hinein, schwarze Bänder aus den Fenstern und schwere Düfte von Kamelien und Weihrauch waberten über dem Terracottahaupt von Cetona.

Gegen Abend zu Ferragosto (15.August MariaHimmelfahrt) saßen die Trauernden im Haus der Familie Cipolla beisammen und berieten, was zu tun sei. Die Frauen saßen in der Küche, die Männer auf der Terrasse im Schatten einer Pinie. Immer wieder klang Weibergejammer aus der Küche, als die Frauen die Fotos der Kinder im Sarg im Kreise weitergaben. Von jedem Mädchen eine Haarschleife wurde weitergereicht, sanft an die Wange gedrückt , geküßt und mit Tränen benetzt. Und die Männer? Sie schwiegen sich in die Grappagläser und Espressotassen starrend an.

Wer war Schuld, wer mußte dafür bezahlen? Der ungestüme Postfahrer, der im Nachbardorf wohnte oder doch Vitellis Sohn ENZO, der mit seinem roten Balilla den Postfahrer provozierte und danach die Kinder so erschreckte, daß sie keine Aufmerksamkeit mehr hatten? Der Bürgermeister war sicher Schuld, er, dieser Sozi, der alles modernisieren und „verbessern“ mußte, als er die Postbusstrecke über die Piazza San Michele verlegen ließ. Beim alten Fahrweg wäre das nicht passiert und Kinder müssen doch spielen und besser sie spielen bei den Häusern iher Familien als im Wald oder auf den Weiden fern ab der Mütter Rufweite.Der Schatten wurde länger über dem Hause Cipolla.


Anfang November, zu Ognissanti Tutti i Santi (Allerheiligen), starb der Bürgermeister bei einem unerklärlichen Jagdunfall. Zu Immacolata Concezione (Mariä Empfängnis) kam die Nachricht, daß der Sohn der Vitellis einen schweren Treppensturz an der Universität in Rom hatte und wohl für immer am Rollstuhl gefesselt bleiben würde. Ein Jahr später, zum Festa del Lavoro (1.Mai Tag der Arbeit), hatte der Postbusfahrer endlich den Brief erhalten, der ihm die langersehnte Versetzung nach Mailand ankündigte.

Epilog:

Der von mir hochgeschätzte Lyriker Guillaume Apollinaire sagte einmal über Petrarcas 11.tem Gedicht aus den Canzonen (Mai non vo‘ più cantar, com‘ io soleva.) :
„Die Gerechtigkeit ist des Schicksals Kind, und „es“ braucht in Italien zu lange bis zum nächsten Dorf.“

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31/07/2014 · 23:10

So ein Vater und Sohn Ding

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Gespräche mit meinem Sohn Jonathan
Der Wassermann der Wörschacher Klamm oder So aber! (Schubert Impromtu AS Dur)

Frühjahrsschmelze,
wie viel bleibt mir noch?
Springquell des Baches,
hier weit oben am Berg,
wo Lämmergeier hausen,
höre ich den jungen Wassermann
da unten, bei seinem Flötenspiel.

Wie lieb ich diesen Klang
der Jungend, ich Greis, dem
das Leben verrinnt, wie eben
dieser Rinnsal hier; Bist Du da
mein Kind, so fragts mich leis.

Weiter unten im Tal, fallen
schwellend Wasser
tosend in die Kathedralen
der Klamm, schäumend, gluckernd,
ohren´täubend, neugebor´n.

Wir sind immer, was uns bewegt,
grad jetzt, im Moment:
Im Abstieg bin ich Wurm,der vor der
Erhabenheit des Lebens Abschied
nehmen muß, ängstlich, wie trommelnder
Regen, bemüh ich mich um
Gelassenheit auf rutschig´m Fels.
Und wenn‘ s Spiel
des Wassermanns nicht gäb,
würd‘ s zweifelnd
mich in Tiefen stürzen.

So aber, bin ich beruhigt, egal ob
Springfluten und Regengüsse
fortrissen mich; ich warf den Stein
in die Schaumkronen des Klammbeckens
und pfiff das Lied des Wassermanns nach.
Kalter, türkisblauer Strömungsrücken
taucht die Sinne in Freude
und funkelnde Gischt schreckt
nicht mehr. Laut ruf ich
den Namen meines Sohnes,so daß
mein Ruf im Widerhall noch das
Echo des Kataraktes Symphonie
krönt: „Diese Welt ist ein
Geschenk,auch wenn wir den Schenker
nicht kennen, der sie vergänglich
macht wie Wasserfahnen!“

 

 

 

 

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Shortbread

Digiglyphen

Verwobene Wolken,
für immer anzusehen,
auf nichtigem Papyrus:
Bibliotheken brennen.

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Von der Historie verschluckt,
Keine Sekundärliteratur,
Keine Hausaufgaben,
Kein Stein schmückt das Grab.

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Krankheit

In der Gegenwart verweilen,
Kein morgen sehen,
Nehmen, was gegeben ist.

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